Höhere Risiken für Geschäftsreisende im nächsten Jahr

Service 20.11.2019


Wer reist, geht immer auch ein Risiko ein. Doch in welchem Land ist es wie groß? Und welche Gefahren drohen überhaupt? Experten bewerten 14 Länder für das kommende Jahr anders als bisher.

Vor der maledivischen Insel Girifushi ist ein deutscher Tourist bei einer Bootsfahrt von einer Kugel getroffen worden. Ein Querschläger einer Militärübung verletzte den 41-Jährigen zum Glück nicht lebensbedrohlich. In Griechenland starben zwei Urlauber, als ihr Camper in einem Wirbelsturm über den Strand bei Sozopoli geschleudert wurde. Und in Kenia kollidierte ein zweimotoriges Touristenflugzeug bei der Landung mit zwei Gnus - die Insassen erlitten einen heftigen Schrecken.

Alles Unfälle der vergangenen Wochen, fern der Heimat, die vielleicht ungewöhnlich sind, aber geschehen. Wie hoch ist das Risiko, auf Reisen im Straßenverkehr, bei Naturkatastrophen oder bei politischen Unruhen verletzt zu werden oder etwa an Ebola zu erkranken? Und wie sieht die medizinische Versorgung dann aus?

Dies sind Fragen, mit denen sich Sicherheitsdienstleister wie International SOS beschäftigen. Bei ihnen sichern Unternehmen ihre Mitarbeiter ab – mit Beratungen, Tracking und im Notfall Evakuierungen.

"2019 ist die Welt nicht unsicherer und nicht sicherer geworden", sagt Martin Bauer, Regional Security Manager bei dem Unternehmen, das am Montag die neue Version der "Travel Risk Map" herausgibt. Tiefrot und mit extrem hohem Sicherheitsrisiko sind darauf Länder wie Jemen, Syrien oder Libyen eingezeichnet. Hoch ist das Risiko etwa in Venezuela und Teilen Indiens, mittel in Brasilien und Südafrika, niedrig in Marokko und Deutschland und unbedeutend in Slowenien oder Dänemark. (Hier geht es zur interaktiven Weltkarte.)

14 Veränderungen bei der Bewertung auf der Travel Risk Map hätten sich zum Vorjahr ergeben, sagt Bauer dem SPIEGEL:

  • Neun Hochstufungen allein in Afrika: Regionen beziehungsweise Städte in Libyen, Kongo, Mosambik, Burkina Faso und Grenzgebiete gelten nun als risikoreicher, ebenso Honduras und Belize in Mittelamerika.
  • Nicaragua und Teile Mexikos sind dagegen runtergestuft worden. "In Guanajuato etwa ist die mexikanische Regierung deutlich gegen die Drogenmafia vorgegangen", sagt Bauer. "Allerdings gibt es immer noch Ecken in Mexiko, wo die Banden sehr stark vertreten sind. Proteste der Bürgerwehren gegen die Gangs können sich schnell ausbreiten."

2019 haben vor allem die Proteste in Hongkong für viele Anfragen von Firmenkunden gesorgt, sagt Bauer. In der Stadt sei Finanzindustrie aus vielen Ländern ansässig, dementsprechend viele Ausländer wohnen dort.

Auch die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und Iran blieben im Blick: Wird es zu einem größeren Konflikt kommen? Gibt es weitere Anschläge auf Ölanlagen? Die Situation "verschafft uns viel Arbeit, weil viele Geschäftsreisende dort vor Ort sind", sagt Bauer. Genauso einige Naturkatastrophen wie Hurrikane, Brände und Überflutungen von den USA über Europa bis Indien.


Was kommt 2020?

Für 2020 rechnen die Experten mit steigender Tendenz der Naturkatastrophen, die Gefahrengebiete seien allerdings schwer vorhersagbar. Politisch rechnet der Sicherheitsmanager Martin Bauer mit diesen Unwägbarkeiten:

  • Wahl in den USA: "Die Frage, ob Donald Trump Präsident bleibt oder nicht, kann Auswirkungen nicht nur auf die USA haben – etwa durch Protestaktionen –, sondern auch rund um die Welt." Im Fokus dabei sind die Beziehungen zu Nahost, Nordkorea und China.
  • Gefährdung durch islamistische Gruppierungen: "Nicht nur in Nahost, sondern auch in Süd- und Südostasien, Teilen der Sahelzone in Afrika und weiterhin in Europa. Obwohl Abu Bakr al-Baghdadi, Führer des 'Islamischen Staats', von US-Spezialkräften getötet wurde, bleibt die Terrormiliz eine weitere Bedrohung, ebenso al-Qaida. Wir verfolgen auch die derzeitige Auseinandersetzung zwischen dem palästinensischen 'Islamischer Dschihad' und Israel."
  • Bolivien: "Zwar ist der bisherige Präsident Evo Morales zurückgetreten und im Exil in Mexiko. Die sozialen Unruhen könnten aber zu weiteren Protestaktionen im Großteil Südamerikas führen – ähnlich wie beim Arabischen Frühling."
  • Europa: International SOS "verfolgt die politischen Entwicklungen, vor allem solche, die mit sozialen Unruhen verbunden sind – zum Beispiel aufgrund von Klimaprotesten, aber auch verursacht durch die identitären Bewegungen in diversen europäischen Ländern".
  • Russland: "In den letzten Jahren breitet sich das Land sehr viel mehr auf der Weltbühne aus. Gerade ist Russland in Nordsyrien, wo die USA sich zurückgezogen haben, viel stärker vertreten und versucht, weiterhin in Teilen von Nahost und in Teilen Afrikas zu agieren. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Politik der Länder, sondern könnte auch welche für Reisende haben, die nach Russland zum Teil mit russischen Fluggesellschaften fliegen." Bauer erinnert an den islamistischen Anschlag auf eine russische Airbus-Maschine, die mit Urlaubern aus Ägypten zurückflog.


Medizinische Risiken: Herzinfarkt gefährlicher als Terror

Terroranschläge wie der auf dem Sinai erwecken zwar hohe Aufmerksamkeit – doch das Risiko, davon betroffen zu sein, ist gering. Ganz im Gegensatz zu Gefahren, die Reisende selbst mit im Gepäck haben: "Wenn wir in unsere Statistiken schauen, sind es vor allem die sogenannten Wohlstandserkrankungen wie Schlaganfälle, Herzinfarkte, Thrombosen, die dazu führen, dass wir Patienten evakuieren müssen", sagt Stefan Eßer, Ärztlicher Leiter Zentraleuropa bei International SOS. Zudem auch Unfälle im Straßenverkehr, bei der Arbeit oder in der Freizeit.

"Die Patienten bekommen den Herzinfarkt nicht, weil sie reisen, sondern statistisch während sie reisen", sagt er. "Der einzige Unterschied ist: Wenn man schon das Pech hat, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist man natürlich in Frankfurt besser aufgehoben als in Ouagadougou, wo die Versorgung desaströs ist."

Auf der Travel Risk Map spielen bei der Bewertung der medizinischen Risiken daher Faktoren wie Gesundheits- und Rettungssysteme, Verfügbarkeit von Medikamenten neben der Verbreitung von Infektionskrankheiten wie Malaria und Cholera eine Rolle.

  • Sehr hoch sei zum Beispiel das Malaria-Risiko in Westafrika, sagt Eßer, der immer überrascht sei, wie viele Leute beruflich etwa in den Senegal, Kongo oder nach Mali müssten. Oft werde die Prophylaxe allerdings nicht durchgeführt, die Patienten müssten dann ausgeflogen werden.
  • Ebola würde immer wieder in der Demokratischen Republik Kongo ausbrechen – allerdings seien davon weniger Reisende betroffen.
  • Insgesamt sehen die Experten eine Ausbreitung von Denguefieber. Und auch des Zika-Virus – noch sei aber nicht bestätigt, ob Infektionen damit wirklich häufiger vorkommen oder nur die Aufmerksamkeit höher sei, sagt Eßer.

Deutliche Verbesserungen bei den Gesundheitssystemen innerhalb der letzten Jahre sieht der Mediziner zum Beispiel in der Türkei, Tunesien und Marokko. Auch in Algerien – bisher mit hohem medizinischen Risiko eingestuft – gibt es zumindest in den Städten im Norden gute private Einrichtungen. "In den osteuropäischen Ländern wie Bulgarien und Rumänien sehen wir einen langsamen, aber kontinuierlichen Anstieg in den letzten 10, 15 Jahren", sagt Eßer.

Zwar gebe es auch in Rumänien mäßig oder schlecht versorgte Regionen. Beeindruckt zeigt sich Eßer aber von einem Rettungssystem in der Hauptstadt Bukarest. "Aus den Krankenwagen werden zum Beispiel EKGs über Telemedizin in die Uni-Krankenhäuser geschickt. So weiß der leitende Notarzt, welche herzmedizinischen Probleme in den nächsten 20 Minuten in der Klinik eintreffen und kann entsprechend Rettung und Personal organisieren." Das gebe es selbst in Deutschland nur selten.

Die Travel Risk Map bietet nicht nur beruflich Reisenden und ihren Arbeitgebern einen Anhaltspunkt, sondern auch Urlaubern. Letztere sind mancherorts zum Teil allerdings höheren Risiken ausgesetzt, weil sie sich im Land bewegen und in weniger geschütztem Rahmen reisen. Beziehungsweise gibt es manche Länder auf der Welt, in die man wohl nur reist, wenn man dort arbeiten muss. Die Einschätzung des Auswärtigen Amts weicht daher für manche Länder ab.

Auch FIRST Business Travel arbeitet mit International SOS zusammen. Weitere Informationen finden Sie hier.


Quelle: Reise vor9 / SPIEGEL ONLINE

Informieren Sie sich direkt bei Ihrem Reisebüro in der Nähe